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Immer wieder als Frage gestellt: Was ist Kunst?  

Eine kleine philosophische Betrachtungsweise

Angesichts der Dinge, die uns in Museen und Galerien präsentiert werden, fragen wir uns mit Recht immer wieder, ob das noch Kunst ist. Häufig entsteht beim Betrachter der Verdacht, dass hier nur wertloses Zeug durch salbungsvolle Beschwörungsformeln gewiefter Vermarktungsstrategen und Katalogersteller in bedeutungsvolle Meisterwerke verwandelt werden soll. Ist Kunst heutzutage ein reiner Vermarktungssektor? Oder gibt es Kriterien, nach denen wir entscheiden können, dass jene Kunstwerke, die uns präsentiert werden, Kunst oder Nicht-Kunst sind?

Die Antwort scheint ganz einfach zu sein:

Man muss sich nur einmal gründlich klarmachen, was Kunst eigentlich ist.

So stellt sich immer wieder die grundsätzliche Frage "Was ist Kunst?" Ist nur das Kunst, was seit Jahrhunderten als Kunst betrachtet wurde und seinen Platz in den berühmten Museen der Welt gefunden hat, in denen der Betrachter mit einem erhabenen Gefühl sagen kann, dieses oder jenes Werk sei ein wahrhaftiges Kunstwerk.

Welche Maßstäbe legt der Betrachter an? Welches sind die Kriterien der Gesellschaft?

Wer ist ein Künstler? Jemand, der alte Meisterwerke kopiert und nachahmt oder jemand, der völlig neue Wege geht und neue Materialien zur Aufbereitung verwendet? Oder jemand, der die Gesellschaft mit seinen Werken provozieren will? Oder der Künstler, der mit seiner Kunst eine politische Botschaft transportieren will?

Aus unzähligen fruchtlosen und oft auch unerfreulichen Diskussionen wissen wir nun aber, dass keine der Antworten, die man auf jene Frage geben kann, unsere Schwierigkeiten mit den fragwürdigen Werken endgültig beheben wird.

Vor allem: 

Gibt es diese Kontroversen erst in der heutigen Zeit oder war man auch schon in früheren Zeiten darüber unterschiedlicher Meinung?

Im Mittelalter oder der Renaissance waren führende Königshäuser, Adelsgeschlechter oder die Kirche die Auftraggeber für die schaffenden Künstler. In der Umsetzung der Themenwahl waren auch große Künstler nicht frei. Erinnert sei nur an Leonardo da Vinci, der am Hofe der Medici  Auftragsarbeit zu erstellen hatte, um hier einen modern geprägten Begriff zu verwenden. Inhalte waren ihm im wesentlichen vorgegeben wie das Abendmahl. Stilmittel und Techniken entsprachen dem Zeitgeist. Die Freiheit des Künstlers lag in der Inspiration, in seinem Gefühl, Fertigkeiten so einzusetzen, dass seine Farbkompositionen oder  Statuen aus sich selbst heraus Genialität und Größe zeigten und die Geschichte der großen Kunstwerke eingingen.

Dennoch gab es in der Vergangenheit klarere Unterscheidungsmerkmale in der Frage „Was ist Kunst“ ? bzw. „Was ist keine Kunst“ ?

Im 20.Jahrhundert wurde es immer schwieriger, diese Frage zu beantworten. Gibt es dafür überhaupt Kriterien? Joseph Beuys schrieb in der Hannoverschen Allgemeinen vom 16.10.1972:

„Nun, jeder Mensch ist zwar ein Künstler in einem allgemeinen Sinn – ein Künstler, der man sein muss, um zum Beispiel Selbstbestimmung zu betreiben – aber in einer bestimmten Phase des Lebens wird doch jeder Mensch in gewisser Weise noch irgendwo Spezialist: der eine studiert Chemie, der andere Bildhauerei oder Malerei, der dritte wird Arzt und so weiter.“

Kunst kommt von Können. Somit hat ein Kunstwerk auch immer einen handwerklichen Hintergrund. Ein Bildhauer, ein Maler oder ein Schriftsteller muss zunächst sein Handwerk beherrschen. So wird deutlich, was das Beuys-Zitat meint. Ein Künstler verfolgt Ziele, setzt seine Ideen um und bringt seine Schaffenskraft ins Kunstwerk ein. Er inspiriert sein Kunstwerk.. Der Marmor, die Farbe, Papier und Stift etc. sind Hilfsmittel, um einer Idee Ausdruck zu verleihen. In der modernen Zeit bedienen sich Künstler häufig der Gegenstände des Alltags, um Ideen zu transportieren. Der schon zitierte Joseph Beuys ist dafür ein guter Beleg. Vielfach soll auch mit dem Kunstwerk provoziert werden. Paul Klee hat einmal gesagt:

„Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“. 

Wenn man dies vor Augen hat, ist oft schon viel gewonnen. Ein Künstler beherrscht folglich zunächst sein Handwerk und transportiert in der Auseinandersetzung mit dem Stoff seine Ideen, seine Inspirationen und Absichten.

Wird das Werk dadurch automatisch zu einem Kunstwerk? Welche Rolle spielt dabei der Betrachter? Welche Rolle spielt der Galerist oder Verleger?

Beim Besuch einer modernen Ausstellung wird der Betrachter häufig mit bizarren Dingen konfrontiert. Lauscht man den Gesprächen, so wird oft der Tenor deutlich: „Das ist keine Kunst, das kann ich auch.“ Oder: „Dem Werk fehlt jegliche Ästhetik“. Solch einer Aussage liegt ein subjektives Urteil und eine Bewertung zugrunde. Jeder hat eine Vorstellung davon, was Kunst sein soll. Sie orientiert sich häufig an Kriterien vergangener Epochen. Ist aber jemand, der ein altes Kunst kopiert ein genialer Künstler, auch wenn er sein Handwerk außerordentlich beherrscht? Gehört zu einem Künstler nicht auch das Neue, das Anstößige, das Bahnbrechende? Ein Künstler, der in die Geschichtsbücher eingehen wird, der in den „Himmel der Kunstwerke“ aufgenommen werden wird, betreibt vermutlich dieses Noch-Nicht-Dagewesene. Deswegen ist die Frage, ob ein Betrachter Jahrzehnte später einen Vasarely kopieren könnte, für die Kunst unerheblich.

Dennoch ist die Kunst von einem subjektiven Urteil, einem subjektiven Bemessungsmaßstab abhängig. Der Philosoph Immanuel Kant schrieb einmal, dass die menschliche Urteilskraft durch Freiheit definiert sei und das Geschmacksurteil darauf basiere.

Das bedeutet aber auch, dass ein Kunstwerk  einem Betrachter gefallen und einem anderen Betrachter überhaupt nicht gefallen kann. Die Regeln und Bewertungsmaßstäbe für das Urteil, welches der Betrachter fällt, sind nämlich bei den Betrachtern unterschiedlich. Es gibt folglich keine Tatsachenentscheidung.

Hier stellt sich dann aber die nächste Frage:

Wie aber gelangt ein Kunstwerk in ein Museum oder wie wird aus einem Manuskript ein Buch? Der Kunstkritiker, der Galerist oder Verleger spielt hier eine entscheidende Rolle. Ein Kunstwerk ist abhängig vom Geschmacksurteil, vom ästhetischen Empfinden oder vom Beurteilungsmaßstab dieser genannten Personengruppen. Sie sind „die Türsteher“ , um den Kunstprofessor Lüdekind von der Hochschule der Künste in Nürnberg zu zitieren. Sie entscheiden, was ins Reich der Kunst gehören darf und was nicht. Sie entscheiden, was den Geschmack des Publikums treffen soll.

Unabhängig davon ist natürlich weiterhin die Einschätzung eines Betrachters beim Museumsbesuchs oder beim Lesen eines Buches.

Ein weiterer Punkt darf dabei nicht übersehen werden:

Ein Verlag oder  eine Galerie muss nach den Kriterien der Markwirtschaft handeln und verhandeln. Ein Verlag will überleben und verdienen, gleichzeitig Künstler fördern und animieren. Ein Verleger oder Galerist fragt sich immer wieder: „Trifft dieses Werk den Geschmack meines Publikums“ ?

Grundsätzlich:

Ist das Werk im „Himmel der Kunst“ angekommen, wird es vom Betrachter häufig mit anderen, idealisierten Augen wahrgenommen. Das Werk hat es geschafft. Ein Alltagsgegenstand hat Einlass gefunden in die Kunstwelt. Beispielsweise wird er auf der Documenta in Kassel ausgestellt. Er wird vom Publikum anders gesehen. Das Publikum setzt sich mit der Idee des Künstlers auseinander. Der Alltagsgegenstand gewinnt ein Eigenleben, er tritt in eine Beziehung mit dem Betrachter, er löst sich vom Künstler. Es ist die Eigenart eines jeden Kunstwerkes, das der Betrachter in ihm Dinge sehen, die der Künstler nicht intendiert hat. Indem der Betrachter sich mit dem Werk auseinandersetzt, beschäftigt er sich mit seinem Inneren.

Abschließend:

Es kommt also überhaupt nicht darauf an, die Frage „Was ist Kunst“? abschließend zu klären. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage wirft immer wieder neue Fragen auf. Fragen, die neugierig machen.