Philosophie
VOLKER PAPKE-OLDENBURG

 

Home

Über Kunst

Utopia

Über Farbe

Hoffnung

Facharbeiten

Lächeln

Informatik I

Informatik II

 
 
 
   
 

 

Philosophie und Softwareimplementierung

Software ist immer etwas Hergestelltes, sie ist Produkt einer Handlung, sie impliziert Können und Können hat seinen Ursprung im griechischen Wort Techné. Es bedeutet Kunst oder Gestaltung  und  ist der Wortstamm für unser Wort Technik. Daraus folgt, dass Softwaredesign und –engineering  neben möglichst perfekter Technik  sehr stark die Schnittstelle Mensch – Maschine ins Blickfeld zu setzen hat. Nicht die nur die Technik, sondern der Mensch steht ebenso im Vordergrund, als Schaffender und als Anwender auf der Konsumentenseite. Somit handelt es sich immer um einen interaktiven und kommunikativen Prozess.

Dem Handlungsbegriff kommt eine zentrale Stellung in der philosophischen Betrachtungsweise von Softwaredesign und - technik zu. Es ist fahrlässige Vereinfachung anzunehmen, Software ließe sich in einem Durchlauf durch bloße Wahl der technischen Mittel herstellen. Vielmehr handelt es sich um einen iterativen Prozess von Herstellung, Gebrauch, Bewertung, Fehlerkorrektur und verbesserter Herstellung. Die Rückkopplung der Herstellung an den Gebrauch betrifft nicht nur die Beseitigung von Fehlern, sondern vor allem die Zwecksetzung und somit die davon abhängige Mittelwahl. Die Beantwortung der Frage liegt offensichtlich jenseits des nur "Technischen". Sie führt zu den Fragen nach den tieferliegenden Begründungen für die Nützlichkeit, den Gebrauch, die Notwendigkeit und die Handlungsorientierung  der Softwaretechnik. Technische Entwicklung und deren Anwendung durch den Konsumenten können kongruent sein, dazu bedarf es aber des Hineinversetzen in das kommunikative Gegenüber. Jede Form von Technik kann nicht intendierte Folgen und  Nebenfolgen haben. Insbesondere die moderne Technik hat dies in Form von Naturzerstörung, Arbeitsverödung oder Arbeitslosigkeit vor Augen geführt. Eine positive Bestimmung von Technik, von Softwaredesign und –implementierung kann den Zweck haben, „die Natur umzugestalten in eine Welt des Menschen, und zwar nach den Zielen des Menschen, die aufgrund von Bedürfnissen und Wünschen vorangestellt werden.“ (G. Bateson, Ökologie des Geistes, Frankfurt 1972, S. 559).

Technik entspricht menschlichen Bedürfnissen und findet ihre Nützlichkeit im handlungsorientierten Prozess. Eine philosophische Betrachtung der Technik impliziert somit Erkenntnistheorie, Anthropologie und Ontologie.

 Hier soll nun der Versuch gemacht werden von philosophischer Seite ein Menschenbild zu entwerfen, das das dualistisch-rationalistisch seit Descartes geprägte Verständnis von res cogitans und res extensa überwindet und dabei gerade einen Philosophen zitiert, dessen Sprache und Reaktivierung des germanisch-mythischen Kultes ihn zeitweise in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt hat. Der späte Heidegger wird oft mit der Ablehnung des Technischen in Verbindung gebracht. Hier sollen  allerdings einige grundlegende Einsichten des jungen Heidegger aus „Sein und Zeit“ im Vordergrund stehen. Dabei bildet Heideggers Philosophie ein  philosophisches Gegenbild zur rationalistischen Tradition, insbesondere zum Cartesianismus in den Naturwissenschaften.

 

Heideggers Ontologie steht einer Erklärung der Welt durch logischkausale Zusammenhänge und wissenschaftliche Analysen gegenüber. Er beschreibt die Alltags-Umwelt, das In-der-Welt-sein,  die Aufhebung des arbeitsteiligen Industriellen zugunsten des ganzheitlichen Individuell-Handwerklichen.

Der menschliche Dasein ist bereits "in der Welt", bevor es Bewusstsein entwickeln und die Welt erkennen kann. Es ist nach Heidegger anmaßend zu glauben, dass das Dasein durch das „Cogito ergo sum“ die Welt in seinem Bewusstsein kreiert. Es existiert ein unauflöslicher Zirkel, ein Zirkel von Welt-Erklärung und Schon-in-der-Welt-Sein. Grundstruktur des Daseins sind die tägliche Sorge und das Besorgen, wie Heidegger erkenntnistheoretisch argumentiert. Die Umwelt ist für das menschliche Dasein der Ort seines Tätigseins. Im Leben, im Existieren wird die Welt erschlossen, Gegenstände werden nicht als objekthaftes Gegenüber, sondern im Interesse und in der Beziehung zum eigenen Dasein betrachtet. Sie haben somit eine Nützlichkeit und Dienlichkeit. Die dem menschlichen Dasein, welches sich „in der Welt“ befindet, begegnenden Dinge sind somit „Dinge zu einem Zweck“ oder „Dinge mit einem Wert“. Sie treten dem Menschen gegenüber, sie haben keinen abstrakten Zweck eo ipso. Sie sind im Interesse des Daseins wichtig. Heidegger spricht von der Zuhandenheit, sie ist die ontologisch-kategoriale Bestimmung von Seiendem, wie es an sich ist. Wenn die Objekte letztlich nur in der Beziehung zu sehen sind (um-zu), so kann die Natur nur als "um-zu" verstanden werden. Schuhe, ein Gebäude oder ein Hammer haben z.B. eine Nützlichkeit, eine Dienlichkeit, eine Sinnhaftigkeit, das eigentliche Erkennen liegt nicht im theoretischen Betrachten, sondern nur im handelnden Umgang, Heidegger spricht von der Bewandtnis der Dinge. In der Alltäglichkeit vollzieht sich menschliches Dasein. Im täglichen Gebrauch erschließt sich die Bewandtnis des Werkzeugs. Das Werk definiert sich durch seinen Gebrauch. Das Werk verweist nicht nur auf die zu seiner Herstellung erforderlichen Materialien, sondern auch auf den Nutzer. Das hergestellte Werk verweist nicht nur auf das Wozu seiner Verwendbarkeit und das Woraus seines Bestehens. Letztlich setzt das Verständnis des Daseins immer schon das "Mitdasein der Anderen" voraus, die in der "Werkwelt des Handwerkers" in den Rollen des Kunden oder Abnehmers des bestellten "Werks" oder des Herstellers und Lieferanten desselben begegnen. Entscheidend ist, dass der Andere immer "mitbegegnet". Er gehört zum Wesen des "ontologisch sich durchhaltenden Ich". Heidegger spricht dabei auch von der „Fürsorge“.

 Sicherlich ist es problematisch, Heideggers Werkzeugbegriff des idyllisch Handwerklichen auf so abstrakte und komplexe Tätigkeiten wie Softwareengineering und die Benutzung komplexer Softwaresysteme zu übertragen. Um Heideggers einfache Werkzeuge herzustellen und zu benutzen, bedarf es in der Tat keines theoretischen Wissens, es wird aus dem Umgang gelernt. Der Programmierer ist kein Handwerker à la Heidegger mehr, weil seine konstruktive Tätigkeit ein Spezialistentum erfordert, das nicht von jedem späteren Benutzer nachvollzogen werden kann. Dennoch: Wir können von Heidegger lernen, dass ein Softwareprodukt eine Dienlichkeit, eine Nützlichkeit hat, das es in Beziehung zu einem Gegenüber steht. Es ist kein Abstraktum, sondern ein „Wofür“, ein „Für-wen“, es erhellt seine Daseinsberechtigung im Miteinander und Füreinander, im handelnden Umgang.

 

 

Literatur:

 

Martin Heidegger, Sein und Zeit, 18. Auflage, Tübingen  2001

Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, Frankfurt 1972